Lüneburg, 25 .06. 13

 

Lüneburg, 25 .06. 13

Auf der Intensivstation
Ich bin jetzt einigermaßen bei Kräften, um schonungslos aufzuschreiben, wie es mir in den letzten Wochen ergangen ist. Ich werde keine Details auslassen, ich schreibe es auch, um dieses Trauma selber etwas besser zu überwinden. Ich bin zwar schon recht gut im Aufarbeiten, dennoch habe ich noch sehr damit zu tun.
Beginnen kann ich eigentlich nur mit dem, was mir Maren, die Pfleger und die Ärzte berichteten. Mir fehlt eine komplette Woche Erinnerung. Das letze – woran ich mich erinnere –  ist, das ich am Abend vor der OP noch duschen war und einige SMS verschickte. Ab da ist da ein tiefes, schwarzes Loch.

 

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Verschwunden die Erinnerung an den Morgen der OP, ich weiß nichts davon in den OP geschoben zu werden, da ist nichts mehr, alles weg.
Die erste Erinnerung war dann, als der Arzt mir einen Schlauch aus den Hals zog und mich mit den Worten begrüßte: “Herzlichen Glückwunsch zum Zurück im Leben!“ (oder so ähnlich). Dann lag ich schweren Deliriums da und war voller Jammer, angeschlossen an piependen Geräten mit Schläuchen im Körper und Sonden in der Nase.

 

Bewegungslos ängstlich, ich wusste nicht wer ich war, wo ich war und wieso ich war.

Erst als ich Maren dann sah  (sie sagte, erst hätte ich sie nicht erkannt) erst da, als ich in ihre Augen sah, fand ich etwas zurück.
Die OP als solche ist denn wohl recht gut verlaufen, der Krebs konnte wie geplant komplett herausoperiert werden.

 

Nun habe ich einen hochgezogenen Magen an meiner rechten Seite, eine über 20 cm lange Narbe, ein Stückchen Speiseröhre ist weg. Die Schlüsselloch-OP wurde noch nicht sehr oft gemacht, ist aber immer noch sanfter als die herkömmliche Art. So wurden meine Rippen nur sehr weit gespreizt und mussten nicht gebrochen werden (oder solche Scherze!). Auch von den Narben her ist es nicht ganz so eine große Öffnung des Körpers. Ich bin dem Chefarzt des Krankenhauses sehr dankbar, er hat eine sehr gute Arbeit gemacht.
Am ersten Tag war wohl auch noch alles gut , ich bin zwar 5 Stunden früher aus der Narkose erwacht als geplant , mein Zustand war wohl “ok” und Maren war auch zu Besuch da , diese treue Seele. Daran kann ich mich aber auch nicht mehr erinnern.

 

Am nächsten Tag wäre ich wohl beinahe gestorben.

 

Ich konnte nicht mehr atmen, da war Luft und Wasser in meinen Lungen, und das ist gar nicht gut. Die kämpften ab da um mein Leben, ich würde ins künstliche Koma gelegt und an eine Beatmungsmaschine angeschlossen. Zweimal haben sie versucht, mich wieder zum Atmen zu bringen, aber es klappte nicht. So „schossen“ sie mich ab – und als Maren am Abend mich besuchen wollte, bot sich ihr wohl ein grausamer Anblick. Ich lag da, Schläuche in meinem Körper, einen dicken im Mund; tief in meinem Schlund geschoben, ich wurde beatmet. Maren sagte später, ich hätte nur einmal mit der Augenbraue gezuckt, als sie sagte, dass sie die GEZ Gebühren bezahlt hätte. In meiner Erinnerung ist da nichts als Schwärze, ein tiefes dunkles Loch. Wäre ich da tatsächlich gestorben, dann währe es echt krass, ich hätte nichts davon mitbekommen, ich wäre dann einfach weg. Da ist nichts, woran ich mich besinnen kann, nur dieses” NICHTS“.
Die Ärzte und Pfleger sagten mir später, dass sie schon fast keine Hoffnung mehr für mich hatten, denn es stand schlicht und einfach sehr, sehr schlecht um mich. Mein Hauptfleger auf der Intensiven aber sagte, er hätte auch lange keinen mehr so sehr kämpfen sehen wie mich. Da ich dann noch drei lange Wochen auf der Intensivstation lag, entwickelte sich natürlich auch ein Verhältnis zu den Pflegern und Schwestern.
Nun habe ich das ganze denn doch überlebt. Doch war es auch das schlimmste was ich jemals durchgemacht habe und ich bin sehr dankbar, dafür das ich diese Zeit sehr tapfer durchgestanden habe.
Ab dem Moment an dem ich aus dem Koma geholt wurde, begann für mich eine Zeit des Jammerns. Ich lag nun da, angeschlossen an Blasenkatheter, Magensonde, Venenzuhang am Hals, mit einem Schlauch der direkt auf dein Herz zugeht. Da haben sie die Schmerzmittel reingespritzt. Schlauch in der Nase, Sauerstoff bläst permanent in deine Nasenlöcher, an meiner linken Seite hing ein Beutel, der Wundwasser aufgefangen hat; auf einem Monitor wurden meine Herzschläge, der Puls und all sowas gemessen.

 

Das Schlimmste waren die Halluzinationen, die man vom künstlichen Koma bekommt. Ich habe Sachen gesehen und mir Dinge eingebildet, die gar nicht so waren. Ich sah sozusagen rosa Elefanten. Immer wieder klärten meine Pfleger mich auf, dass die von mir beschriebenen Dinge gar nicht da sind. Am furchtbarsten waren diese fiesen Kobolde, die mich immer ausgelacht haben, die machten sich lustig über mich. Dazu kamen die Schmerzen, und meine Unbeweglichkeit, ich war voller Panik und so stöhnte und jammerte ich drei Tage und drei Nächte lang. Die Schwestern waren schon recht genervt von mir. Erst dann haben die Ärzte es geschafft mich langsam ruhig zu stellen. Irgendwie wirken manche Medikamente nicht so recht bei mir. Der Professor hatte sich schon gewundert, wie schwer es war, mich ins Koma zu bringen.

 

Ich habe wohl dann auch eine „Elefantendröhnung“ gebraucht.

 

Ich entspannte tatsächlich ein wenig, war nicht mehr ganz so elend.
So lag ich dann da, drei lange Wochen. Eigentlich waren so zwei, drei Tage geplant, aber es wurde länger. Draußen war das Wetter schön und du liegst da und bist am Schwitzen, taugst zu nichts als vor dich her zu starren. Lesen oder Internetsurfen oder was auch immer ist brutalste Anstrengung. So gehen die Stunden dahin und man starrt aus dem Fenster. Bedröhnt von den ganzen Medikamenten, unfähig, richtig zu sprechen. Angewiesen auf Hilfe.

 

Morgens um sieben wurde ich gewaschen , das fand ich am allerschlimmsten: da reißen sie dir die warme Decke weg , kommen mit nassen Waschlappen und waschen dir die Arme, Beine und den Schniedel, machen das Bett frisch – obwohl du darin liegst, sie drehen von links nach rechts und hoch und runter. Danach war ich immer völlig fertig und vor Kälte und Anstrengung immer eine Stunde lang noch am Zittern. Das tat natürlich in meiner Narbe sehr weh. Durch dieses Zittern  floss es dann auch schon flüssig aus meinem Hintern, die Sondennahrung hat meinen Verdauungstrakt verlassen. Toll –  da liegt man dann vollgeschissen im frisch gemachten Bett. Geduldig wiederholten die Schwestern die Prozedur. Hintern waschen, mich drehen und wenden und Bett wieder frisch machen….
So gingen die Stunden dahin , so gegen drei war dann der schönste Moment des Tages , denn da war Maren immer für das erlaubte Stündchen gekommen. Jeden Tag war sie da. Ich bin sehr dankbar dafür, denn es war so wichtig für den eintönigen Alltag.

 

Jede Stunde ging auch die Blutdruckpumpe an, so konnte man auch Zeit messen. Jede Stunde, die verging, war eine Stunde, die dich weiter von der Intensivstation wegbringt. Man will einfach nur alle Schläuche aus sich rausziehen und aufstehen. Aber an Aufstehen war die ersten Tage gar nicht zu denken. Ich musste erst mal wieder laufen lernen, ich war ja nur noch Haut und Knochen, ohne jeden Muskel.
Dennoch habe ich selten trübsinnige Gedanken gehabt, ich habe mir immer vorgestellt, das ich laufe, springe und tanze. Ich sah mich in der Sonne spazieren gehen. Ich war glücklich, denn ich lebe. Ich bin dankbar, dass ich auf der Intensivstation genug Kraft hatte, um nicht zu verzweifeln. Depressionen hatte ich keine, trotz der heftigen Tortur, die ich durchmachen musste.

 

Ich bin schon ein Kampfzwerg.

Kampfzwerg
(Ende teil 1 )